Vom (Wieder)finden des Glaubens
Die Texte des Theologen Tomàš Halík begleiten mich schon viele Jahre. Er fragt nach einem Glauben, welcher die Anfragen des Atheismus ernst nimmt, ein Glaube, der mit all unserem Wissen mitgeht. Ein Glaube, der es nicht aufgibt, nach Gott zu fragen, trotz und mit all dem, was sich von den alten Vorstellungen und Gewissheiten auflöst.
Halík spricht mich an, weil es in seinem Denken auch um die ganz persönliche Erfahrung des Glaubens geht. Ich bin in einen Glauben hineingewachsen, der ganz selbstverständlich davon ausging, dass Gott mitten in dieser Welt erfahrbar ist. Vieles von diesen Ansichten und Vorstellungen ist mir unhaltbar geworden, und doch hat es mich nie losgelassen, dass Gott weit mehr als ein Gedankenkonstrukt, weit mehr als Platzhalter für Erklärungen des (noch) Unerklärlichen ist: Lebendige liebende Nähe, Schaffenskraft und Bewahrender, Heilende und, ja, auch Rettender – obwohl das immer schwieriger zu glauben geworden ist.
Halík spricht von Anatheismus, vom Wiederfinden des Glaubens. Dabei meint er weder die Rückkehr zu alten Gewissheiten noch das Finden eines neuen Glaubens, sondern ein Neufinden des Glaubens. Es ist ein Glauben, der sowohl an der unergründlichen Verborgenheit des Geheimnisses Gottes festhält wie auch an Gottes Nähe, die uns beständig findet.
In einem Gespräch über «Glauben heute» sagt Halík:
«Der reife Glaube muss auch die Verborgenheit ertragen – und mit Glauben, Hoffnung und Liebe in dieses Geheimnis eintreten.»
Das Reifen des Glaubens mag uns sicher auf unterschiedliche Wege führen, aber mir macht dieses Gespräch Mut, dass Glauben reifen darf. Gerade dort, wo ich mich mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe auf das einlasse, was in mir fragt, erlebe ich, dass ich gefunden werde von dem, was auch schon in früheren Zeiten lebendig war in meinem Glauben.
Dieser Weg des Wiederfindens des Glaubens erinnert mich daran, wie ich im Sommer durch eine Kirchenruine wanderte. Ich kann auf die Gemäuer blicken, die noch übriggeblieben sind. Oder mich freuen an all den Durchlässen, die sich zum Licht geöffnet haben.
Das ganze Gespräch findet sich hier.
Herder Korrespondenz 2/2013 S. 69-73)