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Gedanken zur Jahreslosung 2022

«Leider kein Platz mehr frei – alles voll!»

Wo die Plätze begehrt sind, kann es schon mal vorkommen, dass man abgewiesen wird oder lange warten muss, bis man zugelassen wird. Fast überall treffen wir auf Einlassbedingungen, und wer auf der Seite der Privilegierten steht, ist sich oft nicht bewusst, wie einschränkend diese sein können. Als Schweizer ist es meist reine Formsache, wenn ich für eine Reise ein Visum brauche. Mehr als einmal habe ich aber erlebt, dass Geschwister aus einem afrikanischen Land nicht an einer internationalen Versammlung teilnehmen konnten, weil ihnen das Visum verweigert wurde. Der «Gaststaat» hatte Angst, sie würden bleiben wollen.

Wir könnten schulterzuckend sagen: «So ist das nun mal in dieser Welt; im Reich Gottes aber ist es anders, Jesus weist niemanden hinaus! Bei Gottes grossem Festmahl gibt es keine Platzbeschränkung, aber hier und jetzt sind die Ressourcen halt nun mal beschränkt».

Eva Jung stellt diese Zuordnung in Frage, wenn sie die Jahreslosung mit der Migrationspolitik in Verbindung bringt. Darf man das? Ich meine: man muss! Das Streitgespräch, zu dem dieser Vers gehört, schliesst an die Speisung der 5000 an. Jesus möchte, dass sie als Zeichen verstanden wird. In der Alltagssituation eines improvisierten Picknicks zeigt sich, wer Gott ist. Wenn aus 5 Gerstenbrote alle Anwesenden satt werden und dann vom übrigen noch 12 Körbe voll gesammelt werden, dann ist das ein Zeichen: das Sammeln Gottes beschränkt sich nicht auf ein paar Wenige mit dem Privileg, zur Heilsgemeinschaft zu zählen. Es greift in die Vollzahl der Völker aus.

Wenn wir einstimmen in die Resignation, dass hier und jetzt an den Tischen Europas die Plätze nun mal limitiert seien und unsere Migrationspolitik nicht damit verbinden, dass Jesus von sich sagt, er weise keinen hinaus, ist auch das ein sprechendes Zeichen: Verdunkelt die Resignation denn nicht, dass Gott die ganze Welt zusammen in seinen Schalom sammeln möchte? Und wenn wir darauf beharren, dass wir als Nachfolger:innen Jesu niemanden abweisen auf der Suche nach einem Leben in Schalom, hat auch das Potential zum Zeichen für das grosse Festmahl Gottes, zu dem Gott alle Welt sammelt.

Jürg Bräker

Foto: Chris Grodotzki, sea-watch.org
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